Interkulturelle Woche im Kreis Pinneberg

In Deutschland stehen die Interkulturellen Wochen vor der Tür. Unter dem Motto „offen geht“ werden im Kreis Pinneberg vom 22. September bis zum 2. Oktober zahlreiche Angebote gemacht und zu Veranstaltungen eingeladen. Dieses Veranstaltungsformat gibt es seit 1975 und mehr als 500 Städte und Gemeinden nehmen aktiv daran teil. Heute sprechen wir mit Deborah Azzab-Robinson, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Pinneberg und Katharina Kegel, Integrationsbeauftragte der Stadt Pinneberg über die Aktualität der Interkulturellen Wochen und die wichtige Rolle von Frauen für eine vielfältige Gesellschaft.

Liebe Frau Azzab-Robinson, liebe Frau Kegel, welche Rolle spielen die Interkulturellen Woche heute im Gegensatz zu den 70er Jahren?

Kegel: Aus dem in 1975 ins Leben gerufene „Tag der ausländischen Mitbürger“ entwickelte sich die heutige Interkulturelle Woche. Sie entstand aus der Lebenswirklichkeit, dass Menschen, die bis zum Anwerbestopp 1973 nach Deutschland kamen, in Deutschland blieben und nicht nur vorrübergehend hier lebten. Diese ehemaligen „Gastarbeiter“ holten ihre Familien nach. Deutschland, das sich zu diesem Zeitpunkt nicht als Einwanderungsland sah, war auf diese Situation nicht vorbereitet. Es gab weder Strategien zur Integration noch Angebote für Männer, Frauen und Kinder, die das Ankommen erleichtert haben oder sie befähigten sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen. Die Interkulturellen Wochen waren also die ersten Schritte einer Annäherung und Integration.

Azzab-Robinson: Seit den 70er Jahren gab es wesentliche rechtliche und gesellschaftliche Veränderungen hin zu einer Akzeptanz Deutschlands zu einem Einwanderungsland. Heute sind die Nachkommen der Gastarbeiter*innen in der dritten Generation deutsche Staatsangehörige von Geburt aus. Auch wird zunehmend anerkannt, dass der islamische Glaube neben der christlichen und jüdischen Religion Teil unserer Gesellschaft geworden ist. So leben wir heute in einem diversen Deutschland mit Frauen, Männern* sowie Kindern* mit vielfältigen Lebensentwürfen.

Azzab-Robinson und Kegel: Vor dem Hintergrund der Zuwanderung von geflüchtete Menschen 2015 und dem „Wir schaffen das!“ von Angela Merkel wird in Deutschland wieder vermehrt über Migration und Integration diskutiert. Dabei treffen politisch konträre Meinungen aufeinander. Das gleichzeitige Aufleben von rechtspopulistischen Meinungen und rechtsextremen Positionen zeigt, dass Deutschland als Einwanderungsland noch nicht vollständiger politischer und gesellschaftlicher Konsens ist.
Vor diesem Hintergrund ist die Aktualität der Interkulturellen Wochen ungebrochen. Die Idee, mit Veranstaltungen Begegnungen und den Austausch zwischen den Kulturen zu fördern, ist notwendiger denn je. Unsere Vision ist, dass vor Ort und in Deutschland verschiedene Kulturen zu einem gemeinsamen, diversen „Wir“ zusammenwachsen.

Neugierig nach mehr? Hier findest du die jeweiligen Links zu den Programmflyer der Städte zur Interkulturellen Wochen im Kreis Pinneberg hinterlegt:
Elmshorn Halstenbek Pinneberg Uetersen Wedel

Welche Veranstaltungen und Highlights sind in diesem Jahr in Pinneberg und darüber hinaus besonders wichtig?

Azzab-Robinson: Zum Auftakt der interkulturellen Wochen veranstalten wir in Pinneberg zum zweiten Mal ein geselliges, weibliches Miteinander. Bei „Tanz & Tee“ essen wir gemeinsam und bewegen uns zu internationaler Musik. Auch dieses Mal bekommen wir eine Einführung in Volkstänze anderer Länder. Willkommen sind alle Frauen, in jedem Alter und jeder Nationalität. Die Bürgermeisterin der Stadt Pinneberg, Urte Steinberg, wird uns begrüßen. Da am 26. September 2021 die Bundestagswahl stattfindet, begleiten wir dieses Ereignis im bunten Miteinander, erleben Sisterhood und stärken einander für die Teilhabe an dem gesellschaftlichen Leben. „Tanz & Tee“ ist unser Beitrag zu einem gemeinsamen, diversen „Wir“!

Kegel: Ein weiteres Highlight ist die Veranstaltung am 2. Oktober 2021, die ich gemeinsam mit den Integrationsbeauftragten aus dem ganzen Bundesland organisiere und für die wir den Autoren und Wissenschaftler Prof. Dr. Aladin El-Mafalaani gewinnen konnten. In seinem Buch „Das Integrationsparadox: Warum gelingende Integration zu mehr Konflikten führt“ zeigt er auf, dass Konflikte ein gutes Zeichen sind, wenn Integration Teilhabe bedeutet. Im Anschluss an seinen Vortrag wird es eine Podiumsdiskussion zu den Möglichkeiten der gleichberechtigten Teilhabe für Menschen mit internationaler Geschichte geben. Moderiert wird die Veranstaltung von Aydan Özoğuz, die von 2013 bis 2018 Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration war.

Welche gleichstellungs- und Integrationsrelevante Fragen sind derzeit wichtig?

Azzab-Robinson und Kegel: Zurzeit wird in Schleswig-Holstein das kommunale Wahlrecht für Alle diskutiert. Gemeint ist damit, dass alle Bürger*innen, die ihren Wohnsitz seit mindestens vier Jahren in der Bundesrepublik Deutschland haben, ein kommunales Wahlrecht erhalten und sich auch selbst zur Wahl stellen können. Wir begrüßen diese Initiative, weil die Umsetzung des kommunalen Wahlrechts für Alle die gesellschaftliche und politische Teilhabe von zugewanderten Einwohner*innen vor Ort fördert und damit die Demokratie als Staatsform stärkt. Wir gehen nach der Einführung davon aus, dass die Repräsentanz von zugewanderten Einwohner*innen in den Parteien und politischen Gremien künftig zunimmt. Besonders politisch aktive Frauen mit internationaler Geschichte können vor Ort eine Leuchtturmfunktion übernehmen, ein Vorbild für Mädchen und junge Frauen sein und so die Stärkung von Mädchen- und Frauenrechten in allen gesellschaftlichen Bereichen voranbringen. Vor diesem Hintergrund werden wir auch die kommenden Interkulturellen Wochen mitgestalten.

Ein Beitrag von Deborah Azzab-Robinson, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Pinneberg.