Carsten Vonnoh arbeitet als „Vatercoach“. Der ausgebildete Familientherapeut betreibt eine Vätergruppe, hält Vorträge und schreibt Ratgeber zu moderner Vaterschaft. Auch Väter aus dem Kreis Pinneberg nehmen an dem monatlichen Termin teil. Die Lotsinnen haben mit ihm über Väter von heute gesprochen.
Lieber Carsten, wie kam es dazu, dass du das Thema Vaterschaft quasi zu deinem Beruf gemacht hast?
Das war kein strategischer Plan, sondern eine Notwendigkeit. Als meine Kinder geboren wurden, habe ich gemerkt, dass ich zwar wusste, wie man Entwicklungsprojekte in Westafrika koordiniert – aber keine Ahnung hatte, wie ich als Vater wirklich präsent sein kann. Nicht nur anwesend, sondern wirklich da. Ich habe dann gesucht: Bücher, Gruppen, Angebote für Väter. Und fast nichts gefunden. Was es gab, war entweder sehr akademisch oder sehr dünn. Gleichzeitig habe ich in meiner therapeutischen Ausbildung gemerkt, wie wenig Väter im Hilfesystem überhaupt vorkommen – als eigenständige Personen mit eigenen Bedürfnissen, nicht nur als Problem oder als Beiwerk der Mutter. Das hat mich nicht losgelassen. Irgendwann habe ich aufgehört zu suchen und angefangen, selbst etwas aufzubauen.
Du hast da also ein eigenes Bedürfnis gehabt und dieses auch bei anderen Vätern gesehen. Vor welchen Herausforderungen stehen Väter denn heutzutage?
Die Erwartungen haben sich radikal verändert, aber die Strukturen nicht. Ein Vater heute soll emotional präsent sein, gleichberechtigt erziehen, Karriere machen, und das alles mit einem Arbeitsmarkt, einem Steuerrecht und oft auch mit einer inneren Landkarte, die noch aus einer anderen Zeit stammt. Viele Männer wurden selbst von Vätern großgezogen, die kaum zu Hause waren – und sollen jetzt etwas verkörpern, das sie nie erlebt haben. Das ist keine Entschuldigung, aber es ist eine reale Herausforderung. Dazu kommt: Väter fragen selten um Hilfe. Das System wartet oft nicht auf sie. Sie fallen durch Raster – beim Jugendamt, bei Beratungsstellen, in der Schule. Und wenn sie dann doch irgendwo anklopfen, fühlen sie sich oft nicht wirklich gesehen.
Und sind die Herausforderungen für Väter nochmal anders, als für Mütter?
Ja – aber nicht im Sinne von „schwieriger“ oder „einfacher“. Es sind andere Muster. Mütter kämpfen oft mit der Unsichtbarkeit ihrer Leistung und mit Schuldgefühlen, wenn sie nicht genug geben. Väter kämpfen eher damit, überhaupt einen Platz zu finden – in der Familie, im Hilfesystem, in sich selbst. Der gesellschaftliche Blick auf Väter ist oft misstrauisch oder gleichgültig. Entweder der Vater ist Problemfall oder er ist irrelevant. Das Bild des liebevollen, verletzlichen, präsenten Vaters ist kulturell noch nicht wirklich angekommen. Was Mütter und Väter aber teilen: den Druck, es richtig zu machen. Und das Gefühl, damit oft allein zu sein.
Väter aus dem Kreis Pinneberg nehmen an deiner monatlichen, digitalen Vätergruppe „Up to Dad“ teil. Was sind das für Väter, die diese Gruppe besuchen und welche Motivation steht dahinter?
Die Gruppe ist erstaunlich bunt. Da ist der Vater, dessen Kind gerade die Diagnose ADHS bekommen hat. Der Vater, der sich nach der Trennung fragt, ob er noch wirklich Vater ist. Der Vater, der merkt, dass er mit seinen Kindern anders umgeht als er möchte – und nicht weiß warum. Aber auch der Vater, dem es eigentlich gut geht, der aber spürt: Da ist noch mehr. Was sie verbindet, ist nicht ein Problem, sondern eine Haltung: Sie wollen bewusster Vater sein. Das klingt schlicht, aber es ist selten. Die meisten kommen nicht, weil sie müssen – sie kommen, weil sie wollen. Und genau das macht diese Gruppe zu etwas Besonderem.
Und wie läuft so ein Abend bei der Vätergruppe dann ab?
Wir fangen immer mit einer kurzen Runde an: Wie bist du gerade? Nicht wie läuft die Arbeit, sondern wie geht es dir als Vater in dieser Woche. Das klingt simpel, ist aber für viele Männer ungewohnt. Dann gibt es meistens einen inhaltlichen Impuls von mir – ein Thema, das gerade relevant ist, manchmal etwas aus der Forschung, manchmal etwas aus der Praxis. Und dann kommt das Wichtigste: die Männer reden miteinander. Über echte Situationen. Was war schwierig? Was hat funktioniert? Was wünsche ich mir anders? Es ist kein Therapieabend, aber es ist auch kein oberflächliches Stammtischgespräch. Es ist irgendwas dazwischen – und das schätzen die Väter sehr.
Die kostenlose Vätergruppe trifft sich jeden dritten Dienstag im Monat von 19:00-20:30 Uhr. Die Anmeldung läuft über die Homepage der Familienbildung Pinneberg: Einfach „Up to Dad“ in die Kurssuche eingeben und es erscheinen alle Termine.
Gefühle von Männern wie Verletztheit oder Scham schlagen oft in Wut um- die sich dann häufig gegen Frauen richtet. Dieses Muster kann man auch in der „Manosphere“ beobachten. Wie begegnest du Situationen, in denen bei Männern dieses Muster aufkommt?
Das ist einer der wichtigsten Punkte meiner Arbeit. Scham und Wut sind bei Männern oft zwei Seiten derselben Medaille. Was nach außen als Aggression aussieht, ist innen oft tief verwundete Würde. Ich versuche, mit Männern genau an dieser Stelle zu arbeiten – nicht die Wut wegzumachen, sondern zu verstehen, was darunter liegt. Das geht nur in einem Raum, der nicht moralisiert. Wenn ein Mann merkt, dass er hier sagen kann „Ich war wütend und ich schäme mich dafür“ – ohne sofort verurteilt zu werden – dann kann etwas aufgehen. Die Manosphere lebt davon, dass Männer genau diesen Raum nirgendwo sonst finden. Sie bietet eine einfache Geschichte: Du leidest, und schuld daran sind die Frauen. Das ist verführerisch, wenn man keine andere Sprache für den eigenen Schmerz hat. Meine Antwort darauf ist nicht Gegenempörung, sondern ein besseres Angebot: Komm her, sprich, und wir schauen gemeinsam, was wirklich passiert.
Stell dir mal vor, du hättest drei Wünsche frei. Welche (politischen) Veränderungen würdest du dir für Väter wünschen?
Erstens: Das Wechselmodell als gesetzlichen Regelfall – nicht als Ausnahme, über die gestritten werden muss. Zweitens: Väterzeit, die wirklich greift. Nicht zwei Wochen Papamonat, sondern echte, gut bezahlte Elternzeit für Väter, kombiniert mit Arbeitgebern, die das nicht als Karriereknick behandeln. Und drittens: Väter im Hilfesystem sichtbar machen. Beratungsstellen, die Väter aktiv einladen. Fachkräfte, die ausgebildet sind, mit Männern zu arbeiten. Ein System, das nicht erst dann auf Väter schaut, wenn etwas schiefgelaufen ist.
Und gibt es auch eine Sache, die du dir von den Vätern wünschen würdest?
Dass sie früher fragen. Nicht wenn der Druck so groß ist, dass nichts mehr geht – sondern davor. Dass sie aufhören zu warten, bis sie „Grund genug“ haben, sich Unterstützung zu holen. Du brauchst keine Krise, um in eine Vätergruppe zu kommen. Du brauchst nur die Bereitschaft, ehrlich zu sein – mit dir selbst und mit anderen Männern. Das ist keine Schwäche. Das ist das Mutigste, was ein Vater tun kann.
Abschließend noch eine ganz einfache Frage: worum wird es in deinem neuen Buch gehen?
Das Buch heißt Radikal Vater sein und erscheint im Herbst 2026. Es geht darum, was es bedeutet, als Vater wirklich präsent zu sein – nicht perfekt, sondern echt. Radikal meint dabei nicht extrem, sondern wurzelhaft: Vaterschaft von innen heraus zu leben, nicht als Rolle, die man erfüllt. Ich schreibe über die Fragen, die Väter oft nicht stellen: Was hat mein eigener Vater mir mitgegeben, dass ich nicht weitergeben will? Wie bleibe ich ich selbst, wenn Familie, Beruf und gesellschaftliche Erwartungen in alle Richtungen ziehen? Und was brauchen Kinder wirklich von ihren Vätern? Es ist kein Ratgeber im klassischen Sinne – es ist eine Einladung zur Auseinandersetzung.
Vielen Dank für das interessante Interview Carsten!
Ein Beitrag von Nina Timmermann, Gleichstellungsbeauftragte Gemeinde Rellingen