Das Museum der Arbeit in Hamburg widmet sich in einer Sonderausstellung endlich dem Thema der Fürsorgearbeit. Die Ausstellung unterstreicht damit auch die feministische Forderung, diese Tätigkeiten als Arbeit anzuerkennen. Anlässlich des Equal Care Day sind interessierte Besucher*innen aus dem Kreis Pinneberg eingeladen, die Ausstellung mit einer Sonderführung am 28. Februar gemeinsam erkunden.
Wer kümmert sich in unserer Gesellschaft unter welchen Bedingungen eigentlich um wen? Und was bedeutet dieses „kümmern“ (englisch: care), das schon im Titel der Ausstellung steckt, eigentlich als konkrete Handlung? Welche Folgen hat es, wenn vor allem eine Hälfte der Gesellschaft (arbeitsfähige Frauen) die Fürsorge für die andere Hälfte der Gesellschaft (Männer, Kinder, Kranke) verrichtet?
All diesen Fragen widmet sich die aktuelle Sonderausstellung im Museum der Arbeit in Hamburg-Barmbek, die noch bis zum 03. Mai 2026 besichtigt werden kann. Die Ausstellung zeigt anhand von historischem Material, Filmen, technischen Lösungen, Daten und Fakten, aber auch durch künstlerische Interventionen die Vielfältigkeit von Sorgearbeit auf und reflektiert diese vor ihrem gesellschaftlichen Kontext. Der Fokus liegt dabei auf der geschlechtsspezifischen Ungleichheit, welche die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit bedingt und immer wieder aufs Neue hervorbringt. Zu Beginn der Ausstellung wird daher direkt deutlich gemacht: Frauen arbeiten in Deutschland pro Woche durchschnittlich fast 9 Stunden länger im Haushalt als Männer! Anschließend wird aufgezeigt, wie im westlichen Spätkapitalismus das Ideal der fürsorglichen Hausfrau und Mutter entstanden ist. Unter anderem durch die Trennung des Wohnraums von der Arbeitsstätte (Fabrik) sind die unterschiedlichen Arbeitsorte entstanden: die häusliche Umgebung für die Frau, die außerhäusliche für den Mann.
Buchtipp zum Thema: „Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung“ von Evke Rulffes (Verlag Haper Collins)
Problematisch ist natürlich, dass die Hausarbeit der Frauen nicht als diese sichtbar gemacht wird und die Hausfrau ökonomisch auch nicht abgesichert ist. Und wie der Titel der Ausstellung schon andeutet hält die Mär, dass Frauen dies alles (freiwillig) aus Liebe täten, das System der unbezahlte Sorgearbeit am Laufen. Beeindruckend wird dies anhand von Stickereien mit Fleißsprüchen, sogenannten „Spruchtüchern“ illustriert, die um die Jahrhundertwende in allen Gesellschaftsschichten groß in Mode waren. Bei Sprüchen wie „Über alles die Pflicht“ oder „nur eine Mutter weiss allein, was lieben heisst und glücklich sein“ bleibt einem mal kurz der Atem weg. Kein Wunder, dass Feministinnen in den 70er und 80er Jahren mit der Kampagne „Lohn für Hausarbeit“ protestierend auf die Straße gingen.
Nicht nur die Gesellschaft wertet Sorgearbeit bis heute ab- auch als Besucher*in wird man mit den eigenen Vorbehalten konfrontiert, wenn man sich darüber wundert, warum Windeln im Museum ausgestellt sind oder sich vor Bonbons aus Muttermilch ekelt. Die Ausstellung zeigt anhand von Daten und Fakten auch ganz deutlich die prekären Lebenslagen von Menschen auf, die Sorgearbeit beruflich verrichten. Haushaltsangestellte oder pflegende Angehörige (darunter auch Jugendliche) arbeiten ohne sozialstaatliche Absicherung und Pflegekräfte unter extremen Zeitdruck und für sehr geringen Lohn. Viele Pflegetätigkeiten werden von migrantischen Frauen übernommen, die aus finanzieller Not extra für die Arbeit nach Deutschland kommen und in ihrem Heimatland ihre eigene Familie zurücklassen. Dadurch entstehen dann wiederum sogenannte „Sorgelücken“ in den Herkunftsfamilien. Auf eindrückliche Weise werden so auch die Wunden, die in den Familien von migrantischen Pflegarbeiter*innen entstehen können, in der Ausstellung offengelegt.
Der Ausstellungsbesuch lädt zur Reflektion ein und bringt ins Gespräch zu einem Thema, das jede von uns berührt. Wir alle kümmern uns regelmäßig um andere Menschen und werden durch andere versorgt- die Frage ist nur, unter welchen Bedingungen das geschieht.
Der Ausstellungsbesuch mit Sonderführung anlässlich des Equal Care Day für Menschen aus dem Kreis Pinneberg findet am Samstag den 28. Februar von 14-15:30 Uhr statt. Treffpunkt ist gegen 13:30 Uhr im Foyer im Museum der Arbeit, Wiesendamm 3. Anmeldung zur Veranstaltung unter: n.timmermann@rellingen.de