In der letzten Woche konnten wir im Großen erleben, was antifeministische Hetzkampagnen anrichten können.
Prof. Dr. Frauke Brosius-Gersdorf, Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht, geriet in den Fokus der Berichterstattung, als die Wahl im Bundestag kurzfristig abgesagt wurde. Bei der Wahl der Bundesverfassungsrichter*innen geht es nicht um ein politisches Amt – es ist ein formaler Akt. Eigentlich.
In diesem Jahr war es anders. Grund hierfür war eine Kampagne gegen die Kandidatin, die kurz vor der Wahl losgetreten wurde. Gegenstand dieser Kampagne waren u. a. mittlerweile widerlegte Vorwürfe zur Qualifikation sowie eine diffamierende Verdrehung von Aussagen von Frau Brosius-Gersdorf.
Der Grund? Sie war stellvertretende Vorsitzende der von der letzten Bundesregierung eingesetzten Expert*innenkommission zu Schwangerschaftsabbrüchen und vertrat – übrigens ähnlich wie eine große Mehrheit der Deutschen – die Meinung, dass Schwangerschaftsabbrüche, in der frühen Schwangerschaft straffrei sein sollten.
Was dann folgte, war das, was Politikerinnen, Journalistinnen und feministische Aktivist*innen, die sich öffentlich für Gleichberechtigung und reproduktive Selbstbestimmung aussprechen, tagtäglich erleben:
Sie erleben Anfeindungen, Bedrohungen und Einschüchterungen, werden mit Shitstorms überzogen und als unglaubwürdig oder gefährlich dargestellt.
Die Angriffe kommen vermeintlich aus den unterschiedlichsten Richtungen, alle haben jedoch dasselbe Ziel: Frauen einzuschüchtern und mundtot zu machen.
Dass dies so passieren kann, hat System. Der Antifeminismus im Land organisiert sich und wächst ständig. Grund genug, dass wir uns die Thematik näher anschauen:
Laut der Leipziger Autoritarismusstudie nehmen geschlossene antifeministische Weltbilder in Deutschland kontinuierlich zu. 2022 hatte laut dieser Studie jeder dritte Mann und jede fünfte Frau in Deutschland ein geschlossenes antifeministisches oder sexistisches Weltbild. Die Studie findet ihr hier.
Ein Blick in die Geschichte
Antifeminismus – und ich denke, das ist wichtig zu wissen – ist keine neue Erscheinung oder Erfindung. Seine Anfänge liegen in den ersten Bemühungen von Frauen um Bildung und Teilhabe, etwa um 1848. Mit dem Bestreben der Frauenbewegung, die Rolle der Frau in der Gesellschaft zu verändern, entwickelten sich auch die Stimmen dagegen.
1902 erschien das Buch „Die Antifeministen“ von Hedwig Dohm. In diesem Werk prägte Dohm das Wort Antifeminismus in Anlehnung an Antisemitismus und beschrieb darin vor allem die massive Ablehnung frauenbewegter Reformvorschläge.
Die Gegner*innen des Frauenwahlrechts warnten politisch vor Internationalismus, Demokratie und „Massenherrschaft“, argumentierten mit einer naturgegebenen Trennung der Aufgabenbereiche von Männern und Frauen. Das Frauenstimmrecht wurde zum „Kristallisationspunkt konservativer Kritik“ an gesellschaftlichen Veränderungen.
Hedwig Dohm kam damals zu dem Fazit:
„Antifeminismus speist sich aus Angst, Autoritätsverlust und einem überholten Frauenbild.“
Antifeminismus ist also schon lange – mal versteckt, mal offen – Teil unserer Gesellschaft. Es handelt sich um eine Ideologie, die gleiche Rechte und Teilhabe ablehnt und die es seit dem Beginn der Frauenemanzipation gibt.
Nicht jede Kritik an einzelnen feministischen Positionen ist antifeministisch. Antifeminismus beginnt dort, wo Gleichstellung und Gleichstellungspolitik grundsätzlich delegitimiert und Frauenrechte als Bedrohung geframed werden.
Antifeminismus richtet sich explizit gegen feministische Ziele und versucht, Gleichstellung als überflüssig, gefährlich oder gar schädlich darzustellen.
Ebenso wie der Feminismus ist auch der Antifeminismus dynamisch und entwickelt sich mit den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten.
Antifeminismus ist keine Reaktion auf „Frauen, die zu viel wollen“. Antifeminismus lehnt Frauen ab, die überhaupt irgendetwas wollen.
Facetten des Antifeminismus
Das Thema ist unglaublich vielschichtig, mit unterschiedlichsten Ausprägungen und Akteur*innen. Eine sehr gelungene Darstellung darüber, was Antifeminismus ist und wie verzweigt er agiert, findet sich beim österreichischen fempi-Netzwerk.
Antifeminismus findet sowohl in der digitalen als auch in der analogen Welt statt: in sozialen Netzwerken, Foren und Online-Spielen ebenso wie auf der Straße oder in Parlamenten.
Er kann von Einzelpersonen, Gruppen oder Bewegungen ausgehen. Im Netz finden sich unter dem Begriff Manosphere unterschiedliche Gruppierungen wie z. B. Pick-Up-Artists, INCELS etc.
Mehr Infos zur Manosphere findet ihr u.a. hier:
Eine Gruppe, die auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewinnt, sind Anhänger*innen verschiedener Religionen mit dogmatischem Religionsverständnis. Diese vertreten oft strikte traditionalistische Geschlechterrollen und lehnen reproduktive Rechte und die Ehe für alle ab.
Hinzu kommen politische Kräfte, insbesondere aus dem rechtskonservativen bis rechtsextremen Spektrum, die antifeministische Rhetorik gezielt nutzen, um Wählerstimmen zu gewinnen und sich gegen progressive Geschlechterpolitik zu positionieren.
Auch extrem rechte Organisationen und Bewegungen bedienen sich dieser Argumentation. Sie lehnen intersektionalen Feminismus ab und setzen sich für patriarchale Strukturen ein, in denen Frauen und geschlechtliche Minderheiten als minderwertig gelten.
Die Brückenfunktion des Antifeminismus
Das, was wir in der letzten Woche beobachten konnten, zeigt deutlich, was Antifeminismus so gefährlich macht: seine Brückenfunktion in die Mitte der Gesellschaft.
Die sogenannte „Brückenfunktion“ meint, dass antifeministische Einstellungen ideologische Verbindungen zwischen extremen oder demokratiefeindlichen Gruppierungen und der gesellschaftlichen Mitte schaffen.
Antifeminismus bietet ein gemeinsames ideologisches Fundament für Gruppen, die sonst nicht dieselben Ziele verfolgen – z. B.:
- rechtsextreme Parteien
- Verschwörungsideolog*innen
- religiöse Fundamentalist*innen
- konservative Parteien
- Maskulinisten und Anti-Gender-Aktivist*innen
- Teile der bürgerlichen Mitte
Durch die Ablehnung von Gleichstellung, Feminismus oder reproduktiven Rechten wird eine gemeinsame Erzählung geschaffen, die verschiedene Milieus verbindet, radikalisiert und mobilisiert.
Antifeminismus als Sammelbecken
Der Fall von Frau Prof. Dr. Brosius-Gersdorf zeigt, dass Antifeminismus ein Sammelbecken für Ängste und Ressentiments darstellt.
So wurde z. B. behauptet, sie wolle Abtreibungen bis zwei Stunden vor Geburt erlauben – etwas, das sie nie gesagt und vermutlich auch niemals auch nur annähernd gedacht hat. Aber allein die Behauptung reichte aus, um eine große Anzahl von Menschen zu verunsichern.
Antifeminismus ist anschlussfähig – auch in die Mitte.
Kritik an Gleichstellungspolitik oder geschichtlicher Vielfalt ist gesellschaftlich anschlussfähiger als z.B. rassistische Aussagen (noch). Dadurch können demokratiefeindliche Akteure leichter Resonanz finden – etwa über Kampagnen gegen geschlechtergerechte Sprache, Sexualaufklärung oder eben reproduktive Rechte.
Antifeminismus als Einfallstor
Antifeministische Positionen öffnen dadurch die Tür für weitere radikale Einstellungen, z. B.:
- Nationalismus („Zurück zur natürlichen Geschlechterordnung“)
- Demokratieverachtung („Genderwahn zeigt, dass der Staat versagt“)
- Wissenschaftsfeindlichkeit („Geschlechterforschung ist keine Wissenschaft“)
Antifeminismus verbindet Akteur*innen aus unterschiedlichen politischen Lagern, radikalisiert und macht demokratiefeindliche Ideen salonfähig. So erfüllt er eine Brückenfunktion – von extremen Denkmustern und Bewegungen bis in die gesellschaftliche Mitte.
Wer ist betroffen?
Antifeminismus trifft verschiedene Zielgruppen – Einzelpersonen, Gruppen, Institutionen.
- Individuen:
Politiker*innen, Aktivist*innen, Gleichstellungsbeauftragte, Forscherinnen, Journalist*innen und queere Personen – also Menschen, die sich für Gleichberechtigung, Feminismus und gegen Diskriminierung engagieren.
2023 gab es 360 Femizide in Deutschland. Auch die Zahl der Hassverbrechen gegen TIN-Personen und Homosexuelle steigt. - Gruppen & Organisationen:
Frauennetzwerke, Frauenhäuser, queere Treffpunkte, Gewaltopfer-Anlaufstellen oder Institute für Geschlechterforschung. - Diskurse:
Antifeminismus richtet sich nicht nur gegen Menschen, sondern gegen den feministischen Diskurs insgesamt: gegen Gleichberechtigung, Vielfalt und die Anerkennung unterschiedlicher Lebensweisen.
Was bedeutet das für unsere Demokratie?
Die Angriffe geschehen teils offen in Ablehnung von Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes:
„Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“
Wenn dieser Verfassungsauftrag so offen in Frage gestellt wird – von unterschiedlichen Gruppierungen –, dann ist Antifeminismus nicht nur eine potenzielle Bedrohung für unsere Demokratie. Er ist es bereits.
Denn Antifeminismus bleibt nicht bei Worten. Erinnern Sie sich an die Attentäter von Utøya, Christchurch, Toronto, Santa Barbara, Halle oder Hanau?
Bei diesen Anschlägen (2011–2020) kamen über 140 Menschen ums Leben. Die Täter bezogen sich auf rassistische, antisemitische – und auch frauenverachtende – Narrative. Einige waren selbst Incels oder sympathisierten mit der Incel-Szene.
Was passiert, wenn Antifeminismus in Institutionen Einzug hält, sehen wir derzeit in den USA:
Dort wird eine hirntote Frau künstlich am Leben gehalten, weil sie in der 9. Schwangerschaftswoche war – die Klinik fürchtet eine Anklage wegen Schwangerschaftsabbruchs. In einem Bundesstaat können Frisör*innen verklagt werden, wenn sie Mädchen eine Kurzhaarfrisur schneiden – weil das „nicht geschlechtskonform“ sei.
Klar, das sind Beispiele aus den USA. Aber vielleicht sind sie näher an uns dran, als wir denken.
Die evangelikalen Einflüsse wachsen auch hier. Die Stimmung gegenüber queeren Menschen ist feindlich.
Eine Partei, die Gleichstellungsarbeit ins Lächerliche zieht, ist derzeit größte Oppositionspartei im Bundestag. Queere Jugendzentren werden Ziel von Brandanschlägen.
Politikerinnen berichten von Hate Speech und Hetzkampagnen. Die Studie „Angegriffen und alleingelassen“ (Januar 2025) zeigt, wie digitale Gewalt das politische Engagement hemmt – besonders bei Frauen, die oft auch sexualisierte Bedrohungen erleben. Viele ziehen sich zurück oder beenden ihr Engagement.
Gleichstellung ist nicht mehr selbstverständlich – sie wird wieder verhandelbar.
Die Angriffe auf Menschen, Institutionen und demokratische Prinzipien sind auch Folge eines wachsenden Antifeminismus.
Er greift nicht nur Frauen an – er untergräbt den Verfassungsauftrag der Gleichberechtigung und gefährdet damit unsere demokratische Gesellschaft.
Wir brauchen:
- Aufklärung
- Schutzstrukturen
- eine klare Haltung – im Netz, in der Kommune, im Land und im Bund.
Denn Frauenrechte und Gleichstellung sind keine Nebensache – sie sind Menschenrechte und damit zentral für unsere Demokratie.
Ein Beitrag von Tinka Frahm, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Pinneberg.
Quellen:
Dohm, Hedwig: Die Antifeministen
Kracher, Veronika: Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults.
Amadeu Antonio Stiftung (Hg.): Zivilgesellschaftliches Lagebild Antifeminismus.
Leipziger Autoritarismusstudie 2022
BAG Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte (Hg.): Antifeminismus als Demokratiegefährdung?
Bundeszentrale für politische Bildung: Taking the red pill – Einstiegsdroge Antifeminismus.
fempi-Netzwerk: Antifeminismus – Plädoyer für eine analytische Schärfe